Analyse · GASTBEITRAG
Ein Abend mit der SPÖ im Marchfeld: "Mein Herz blutet"
Lokalaugenschein in Prottes
Von Ida Metzger
Innenpolitikjournalistin · · 3 min Lesezeit

Der Satz des Abends kommt nicht vom Podium. Er kommt aus der ersten Reihe - von einem Pensionisten, der seinen Hörapparat zu Hause vergessen hat und nur die Hälfte des Gesagten erahnt. Reden will er trotzdem, weil er ein in der Wolle gefärbter Sozialdemokrat sei. “Mein Herz blutet”, sagt der Mann. Und: “Ich habe schon viele bessere Jahre der SPÖ erlebt.”
Knapp 100 SPÖ-Mitglieder sind nach Prottes gekommen, einem kleinen Ort im Bezirk Gänserndorf, mitten im Marchfeld. Der Vorsitzende der SPÖ Niederösterreich, Sven Hergovich, stellt seinen Plan vor, wie Niederösterreich lebenswerter werden soll. Dafür hat er sich ein Schwergewicht an die Seite geholt: Michael Häupl, mehr als 23 Jahre Wiener Bürgermeister, eine der letzten Legenden der Partei, berühmt für Sätze wie “Ich bin Bürgermeister und nicht Gott”. Zur jüngsten Personalentscheidung sagt er zunächst gar nichts, nur: “Ich bin kein Balkon-Muppet, der alles kommentieren muss.”
Dann sagt er doch etwas, und es ist härter als jede Analyse. Die Personaldebatten passierten nur deshalb, weil die Genossen zu wenig Disziplin hätten. Dafür gebe es zu viel an “Egomanie, Selbstverliebtheit und Selbstdarstellungsdrang”. Häupl liest den Genossen die Leviten. “Alles, was man als Sozialdemokrat eigentlich nicht haben sollte.”
Häupl befürchtet weitere Personaldebatten
In einem Punkt verteidigt er den Noch-Parteichef Andreas Babler, um sogleich zu warnen: “Wenn irgendjemand glaubt, dass wir aus dem Schussfeld bestimmter Medien kommen, nur weil Marterbauer derzeit der beliebteste Politiker ist, der irrt.” Das Babler-Bashing sei passiert, weil der Parteichef “gewissen Zeitungen das Geld wegnehmen wollte. Ein paar Medienmillionäre wollen sich aussuchen, wer Parteivorsitzender ist.” Marterbauer werde dasselbe erleben, lautet Häupls Prognose.
Der Pensionist aus der ersten Reihe sieht die Lage ähnlich, zieht aber einen anderen Schluss. Die Entscheidung für Finanzminister Markus Marterbauer als Vizekanzler und Parteichef sei viel zu schnell gefallen. Gerhard Zeiler, der sich um den Vorsitz beworben hat, hätte man eine Chance geben müssen. Dass die SPÖ aus ihrem Umfragetief bei etwa 15 Prozent herauskommt, hofft er. Optimistisch klingt er aber nicht.
Häupl kennt Marterbauer lange, und darauf stützt er seine einzige Festlegung des Abends. “Markus Marterbauer ist ein Wissender.” Gemeint ist, wenn Marterbauer “Ja” sage, dann meine er auch “Ja”. Die Debatte, ob man ihm das Doppelamt trotz seiner Erkrankung zutrauen kann, hält er damit für beantwortet. Marterbauer hätte nicht “Ja” gesagt, wäre er nicht überzeugt.
“Andreas Babler konnte es tatsächlich nicht”
Überrascht hat Häupl etwas anderes. Zeiler habe ihn vor seiner Kandidatur kein einziges Mal angerufen. “Obwohl wir uns wirklich gut kennen. Wir kommen beide aus derselben Sektion in Ottakring.” Warum der Anruf ausblieb, beantwortet Häupl selbst. Er hätte Zeiler geraten, einen Blick in seinen Pass zu werfen. Zeiler ist 71.

Sven Hergovich hält bei dem Abend in Prottes die Zuversicht hoch. Es gebe eine Aufbruchstimmung. Erstmals nach Jahren der Entfremdung hätten sich alle neun Landesparteichefs wieder an einen Tisch gesetzt, auch Wiens Bürgermeister Michael Ludwig und der burgenländische Landeshauptmann Hans Peter Doskozil. “Wir haben sogar gemeinsam gelacht. Das gab es schon lange nicht mehr.” Ein gemeinsames Lachen als Beleg für den Aufbruch. Daran lässt sich ablesen, wie tief die Partei steckt.
Im Saal fällt die Stimmung gespalten aus. Einige sind erleichtert, dass die Landesparteien wieder miteinander reden und hoffen, dass mit Marterbauer ein Pragmatiker die Partei beruhigt. Eine junge Frau aus Matzen formuliert es ohne Umschweife. Sie sei immer Team Rendi-Wagner gewesen. Eines stehe aber fest: “Andreas Babler konnte es tatsächlich nicht.” Ob das Herzbluten der SPÖ gestoppt ist, wird sich zeigen. In Prottes war es an diesem Abend jedenfalls deutlich zu hören.
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