Macht & Recht

Hinter den Kulissen der Justiz

Sa., 27. Juni

Analyse · BEITRAG

Karin Wurm: Was sind die Aussagen der "Kronzeugin" von Peter Pilz wert?

Weiterer Strafantrag gegen Pilnacek-Freundin

Gernot Rohrhofer

Von Gernot Rohrhofer

Redaktionsleiter · · 5 min Lesezeit

Karin Wurm: Was sind die Aussagen der "Kronzeugin" von Peter Pilz wert?

Karin Wurm nimmt im Fall Pilnacek eine besondere Rolle ein. Zuerst haben ihre Aussagen zu einem Buch von Peter Pilz geführt und dann wesentlich zur Einsetzung eines Untersuchungsausschusses beigetragen. Weil die 55-Jährige es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen dürfte, ist die letzte Freundin von Christian Pilnacek binnen weniger Wochen zum zweiten Mal mit einem Strafantrag konfrontiert.

Erst am 1. Juni 2026 stand Karin Wurm vor Gericht. Sie und ihre ehemalige Mitbewohnerin Anna P. hatten im Zusammenhang mit dem Verbleib des privaten Laptops von Christian Pilnacek die Unwahrheit gesagt. P. bekannte sich “voll umfassend schuldig”, Wurm hingegen erklärte, “nicht schuldig” zu sein, übernahm aber die Verantwortung für ihre Falschaussagen. Beide kamen mit einer Diversion davon, gegen die die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) mittlerweile aber Beschwerde eingelegt hat - auf Weisung der Oberstaatsanwaltschaft Wien, unter anderem aufgrund “mangelnder Wahrheitsliebe von Karin Wurm und Anna P. gegenüber den Strafverfolgungsbehörden.”

In Kürze stehen Wurm und P. wieder vor Gericht. Und wieder geht es um den privaten Laptop von Christian Pilnacek. Während die beiden Frauen die persönlichen Gegenstände des verstorbenen Sektionschefs - Handy, Brieftasche und mehrere Schlüssel - noch an dessen Todestag an die Polizei übergaben, sollen sie den Laptop versteckt und wenig später zuerst dem IT-Experten Harald M. und dann dem ehemaligen BZÖ-Politiker Christian Mattura übergeben haben. Wurm und P. werden dauernde Sachentziehung bzw. Datenverarbeitung in Gewinn- oder Schädigungsabsicht zur Last gelegt.

Im Fall von Karin Wurm stehen darüber hinaus ein weiteres Mal ihre Aussagen auf dem Prüfstand. Laut dem Strafantrag der Staatsanwaltschaft St. Pölten soll die 55-jährige Betreiberin eines Schuhgeschäftes in der Kremser Innenstadt wiederholt die Unwahrheit gesagt haben: am 20. Oktober 2023 vor der Polizei in Mautern, am 4. April 2024 und 4. März 2025 vor der WKStA sowie am 25. März 2025 und 21. Oktober 2025 als Zeugin vor Gericht.

Ausgangspunkt für die Recherchen von Pilz

Wie ernstzunehmend die Aussagen von Karin Wurm sind, ist vor allem im politischen Kontext von Bedeutung. Wurms Darstellungen waren der Ausgangspunkt für die Recherchen von Peter Pilz, der mit seinem Buch “Der Tod des Sektionschefs” einen Untersuchuchungsausschuss vom Zaun brach. Allerdings: Viele Theorien, die der Herausgeber von “ZackZack” und ehemalige Nationalratsabgeordnete der Grünen aufgestellt hat, stellten sich als falsch heraus. In einem Medienprozess vor dem Landesgericht für Strafsachen Wien wurde die Zack Media GmbH von Pilz am 18. Dezember 2025 in erster Instanz verpflichtet, vier Polizisten eine Entschädigung von 57.000 Euro zu zahlen und die Prozesskosten zu ersetzen. Außerdem wird das Buch vom Markt genommen, sollte das Urteil rechtskräftig werden.

Wurms Rolle im Fall Pilnacek beschäftigt nicht nur diverse Staatsanwaltschaften. Zuletzt musste sich auch das Oberlandesgericht Wien mit ihrem Aussageverhalten auseinandersetzen. Die letzte Freundin des Justiz-Sektionschefs hatte den Nationalratsabgeordneten und Fraktionsführer der ÖVP im Pilnacek-Untersuchungsausschuss, Andreas Hanger, geklagt, nachdem dieser am 8. Februar 2026 in einer Aussendung erklärt hatte: “Unterm Strich hat sie ihre Darstellungen nicht nur immer weiter aufgebauscht, sondern nachweislich auch falsche und widersprüchliche Angaben gemacht oder wesentliche Umstände verschwiegen.“ Und weiter: “Mit ihren fragwürdigen Aussagen hat Karin Wurm - sie spricht von der Camorra, Löchern im Körper von Christian Pilnacek oder Zeugenschutzprogrammen - nicht nur die Öffentlichkeit getäuscht und die Verschwörungstheorien von Peter Pilz befeuert, sondern auch wesentlich dazu beigetragen, dass mehrere Polizisten zu Unrecht strafrechtlich verfolgt wurden.” 

“Camorra und Ndrangheta nicht mehr weit”

Seit ihren ersten Auftritten auf “ZackZack” im Frühjahr 2024 sucht Karin Wurm aktiv die Öffentlichkeit und behauptete zwischenzeitlich, “dass es ein Fehler war, sich auf Peter Pilz einzulassen.” In einem Interview mit der “Kronen Zeitung” erklärte sie: “Ich glaube, dass Christian schon ab Wien verfolgt wurde. So eine Geisterfahrt kann schon passieren, wenn man gehetzt wird.” Ebenso sagte sie: “Mir ist das sehr komisch vorgekommen. Als wäre er betäubt gewesen.” In einem Interview mit “Servus TV” sprach Wurm einige Monate später von Drogen bzw. K.o.-Tropfen, aber auch von einem “zwölf Zentimeter großen Loch” und “schwersten Verletzungen am ganzen Körper”. Der Leichnam von Christian Pilnacek hätte ausgesehen, “wie wenn sie die Wahrheit aus ihm rausprügeln möchten.”

Besonders skurril mutet an, dass Wurm die Leiche von Christian Pilnacek zunächst identifizierte, in dem Interview mit “Servus TV” dann aber sagte: „Lange habe ich geglaubt, dass er einem Zeugenschutzprogramm zum Opfer gefallen ist, das habe ich damals auch dem Herrn Kreutner gesagt. Es kann ja sein. Ich habe gesagt: Ich sage Ihnen eines, wenn zu Ihnen jemand kommt und sagt, entweder du verschwindest oder morgen bist du tot, dann gehen Sie auch nach Dresden in irgendeine Sozialwohnung mit einem Zeugenschutzhelfer. Also die Camorra und die Ndrangheta, die sind nicht mehr weit, und wer nicht pariert, wird operiert.“ Der suspendierte Justiz-Sektionschef starb am 20. Oktober 2023 in einem Seitenarm der Donau. Die offiziell bestellten Gerichtsmediziner kamen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass der 60-Jährige ertrunken ist - wenige Stunden, nachdem er auf der Stockerauer Schnellstraße als Geisterfahrer unterwegs war und aufgrund seiner starken Alkoholisierung den Führerschein abgeben musste.

Keine “bloße Privatperson”

Im Rechtsstreit mit Andreas Hanger zog Wurm den Kürzeren. In der Entscheidung des Oberlandesgerichtes Wien vom 15. Juni 2026 heißt es, “dass der Vorwurf des Beklagten, die Klägerin habe ihre Darstellungen nicht nur ‘immer weiter aufgebauscht’, sondern nachweislich auch ‘falsche und widersprüchliche Angaben gemacht oder wesentliche Umstände verschwiegen’ zutreffend ist.” Auch “der Vorwurf des Beklagten, die Klägerin habe ‘nachweislich falsche’ bzw. ‘widersprüchliche’ Angaben gemacht, trifft … zu.” Und: “Gleiches gilt für den Vorwurf, die Klägerin habe ‘wesentliche Umstände verschwiegen.’”

Darüber hinaus kam der OLG-Senat zu dem Ergebnis, dass Karin Wurm im Fall Pilnacek eine “public figure” ist. So stehe fest, “dass die Klägerin bereitwillig sowohl Peter Pilz als einem ehemaligen Politiker, der sich mittlerweile als Aufdecker vermeintlicher Politskandale versteht, als auch mehreren Medien Interviews in der ‘Causa Pilnacek’ gegeben und so bewusst ihre private Meinung öffentlich gemacht hat. Sie kann daher nicht als ‘bloße’ Privatperson gesehen werden, sondern hat sich bewusst dafür entschieden, einen Beitrag zur öffentlichen Diskussion um den Todesfall von Mag. Pilnacek – einem Thema allgemeinen Interesses - zu leisten.” Ein Beitrag, der letztlich zu einem Untersuchungsausschuss geführt hat, in dem seit Jänner 2026 bisher vergeblich nach einer politischen Einflussnahme auf die Ermittlungen der Polizei gesucht wird.

Leserfinanziert

Unabhängigen Justizjournalismus sichern

Diesen Beitrag haben Sie kostenlos gelesen. Macht & Recht ist leserfinanziert — mit Ihrer Spende sichern Sie unabhängige Recherche zu Justiz und Rechtsstaat.

Weiterlesen